Der Toni Gaugq Weg

Donnerstagabend wies ich Mama in das Versorgen der Hunde ein, die daheim blieben und fuhr dann Richtung Mittenwald. Ich kam gut durch und erreichte Freitag früh gegen 2.00 Uhr den Parkplatz unterhalb vom Ochsenbodensteig. Viel zu sortieren hatte ich nicht mehr und so machten wir uns dann eine halbe Stunde später auf den Weg.

 

Über den Leitersteig Richtung Scharnitz verflog die Zeit rasend schnell. In dem Örtchen schlief noch alles, auch die Vögel waren noch nicht wach, obwohl es bereits anfing zu dämmern.

 

Bis zum Wiesenhof folge ich einem breitem Forstweg, dann ging es links einen Weg hoch, der mich zur Pleisenhütte führte. Es war inzwischen 06.30 Uhr und mein Magen meldete sich. Die Bananen, die ich mir zum Frühstück mitgenommen hatte waren schon leicht eingedrückt und schmeckten umso süßer. Der Schweiß tropfte von meiner Stirn, die ersten 700 hm hatte ich bereits hinter mir gelassen. Das Wetter war herrlich und der Kaffee in der Pleisenhütte kam mir sehr gelegen, gegen die aufkommende Müdigkeit.

 

Ich ließ nicht mehr Zeit verstreichen und zog weiter. Die letzten Bäume verabschiedeten sich und bei der Kuchel auf etwa 2200 Meter kam ich dann auch zu den ersten Seilversicherten Wegen. Rechts ging es steil nach unten und auf der linken Seite war ein Seil befestigt und darunter Lag ein Geröllfeld. Für Taiga und Friedjof kein Thema, sie liefen brav hinter mir und meisterten das Stück spielerisch. Weiter aufwärts zur Breitgrieskarspitze zog ein Gewitter auf und die Wolken hingen nah über mir.

 

Es schien schnell vorüber zu ziehen und so entschied ich, mich in einer Senke in meinen Deuter Shelter 2 einzupacken und das Unwetter auszusitzen. Zum ersten Mal fielen mir die Augen zu und ich nickte flüchtig weg. Kurze Zeit drauf ließ der Regen nach, ich packte alles ein und machte mich auf den Weg weiter Richtung Gipfel.

 

 

 

Auf dem mit Seil gesichertem Anstieg erschwerte der nass-glitschige Fels die leichte Kletterei.

 

Der Weg zog sich um den Gipfel herum, bis er auf einem Grad endete, auf der es links runter ging. Die in Nebel gehüllte Landschaft wirkte mystisch auf mich.

 

Bei dem Abstieg war es erforderlich, dass die Hunde zu 100 Prozent hörten. Keine Gams oder kein Vogel durfte die Konzentration stören. Rückwärts mit beiden Händen und Füßen am Boden stiegen wir die etwa 50 Meter abwärts und beide machten ihre Sache super. Volle Konzentration bei allen von uns.

 

Auf halber Strecke verschnauften wir, hier konnte man gut stehen und ein passioniertes Wanderpärchen überholte uns drei. Da wir noch nicht so geübt sind, wie ich es mir wünschen würde, brauchten wir natürlich länger für solche ausgesetzten Stiege. Der Wind blies auf dieser Seite des Berges ordentlich, ich lief weiter bis zur Breitgrieskarscharte, an der ein Windgeschützter Notbiwak-Container stand in dem ich eine Esspause einlegte. Immer wieder peitsche der Wind, Regen durch die Berge und wir drei stiegen ab entlang der Marxsenkar.

 

Weit vor mir an der Felswand entdeckte ich die beiden Wanderer, die mich überholt hatten. Mir wurde klar, mit Wandern hat das hier nichts zu tun, das war etwas anderes. 20 Minute später stand ich davor und musste die ersten 20 Meter ein Geröllhang hoch. Dann kam auch direkt das Stahlseil, welches zum Festhalten gedacht war. Die ersten 60 Meter kletterten die Hunde noch super mit und wir standen gut und sicher am Fels. Die letzten 20 Meter allerdings war es wirklich sportlich, Taiga und Friedjof trauten sich dort einfach nicht alleine hoch. Aber auch ich musste an drei Punkten am Fels stehen und hatte so nur eine Hand frei. Der Regen wandelte sich inzwischen in Hagel. Also los, Taiga ins Geschirr gegriffen und ab hinauf mit ihr, sie packte ihren Mut und ihr vertrauen in mich und kraxelte hoch. Die Leine ließ ich los, sodass sie Platz für Friedjof machen konnte. Ihn musste ich ein wenig länger überzeugen, dass der einzig mögliche Weg hoch ging. Aber auch Friedjof Nansen krallte seine Pfoten in die Wand und schaffte es bis über mich und ich stieg nach. „Puhh“ dachte ich mir „geschafft!“. Auf dem Grad angekommen, war unsere Konzentration erschöpft. So beschloss ich den Plan zur Birkkarspitze aufzusteigen und dort ein Gipfelbiwak zu machen abzuändern und direkt über den Brendelsteig zum Karwendelhaus abzusteigen, in der Hoffnung, dort noch ein Bett zu bekommen.

 

Der Brendelsteig hat es allerdings auch in sich. Dort geht es zwar weniger steil nach unten, aber es ist wesentlich rutschiger als an einer festen Felswand. Die Konzentration nahm weiter ab bei Taiga und Friedjof. Mir fiel es auch immer schwerer mich zu konzentrieren. Gefühlt dauern die letzten Kilometer einer Tour immer länger, als die vorherigen. Umso glücklicher war ich, als ich an der DAV Hütte eintraf und ich einen Platz im Bettenlager ergattern konnte. Meine beiden Hunde erhielten einen Platz unter der Wäscheleinen auf weichem Gras. Dass sie kein Dach über dem Kopf hatten, war ihnen nicht ganz so wichtig wie mir. Sie schliefen sofort ein. Ich bezog mein Bett und aß zunächst eine warme Erbsensuppe, bis es 18 Uhr wurde und ich meinen eigentlichen Hunger stillen konnte. In der Zwischenzeit versorgte ich meine beiden Vierbeiner auf die ich so unendlich stolz war. Ich legte mich hin und schlief erst einmal ein paar Stunden. Am Abend später führte ich noch ein paar nette Gespräche mit anderen Bergbegeisterten.

 

Morgens am nächsten Tag wollte ich noch schnell mit zwei Münchnerinnen auf das Hochalmkreuz und so starteten wir drei um 5.00 Uhr. Ihrer Auskunft nach hat der Hüttenwirt eine Laufzeit von einer Stunde voraus gesagt und da sie fit sind würden wir das ja auch in 45 Minuten schaffen, so eine der beiden. So viel Zeit für ein Gipfel muss sein, dachte ich mir. Die Hunde schliefen noch, mein Glück das ich sie an der Hütte lies. Denn bereits nach 15 Minuten merkte ich, wenn ich weiter mit den beiden laufe, würde ich nicht in einer Stunde beim Frühstück sein. Ich kehrte um und schob es auf mein schlechtes Bauchgefühl bezüglich der Hunde. Nach dem Frühstück gegen 8.00 Uhr trafen die beiden dann auch ein... Soviel zu 45 Minuten...

 

Mein Plan war es an diesem Tag über den Gjaidsteig rüber zum Soiernhaus zu wandern. In Vorbereitung einer anderen Tour wurde mir davon bereits abgeraten und auch der Hüttenwirt empfahl es mir, nicht mit Hunden den Gjaidsteig zu gehen. Ich startete trotzdem mit dem Gefühl im Zweifel umdrehen zu können. Nach einem längeren Aufstieg am nächsten Morgen auf den Bärsattel stand ich nun vor dem Schild des DAV:

 

„Vorsicht!!! Trittsicherheit und Schwindelfreiheit gefordert“.

 

Der Weg war schmal und auf einer Seite ging es weit senkrecht runter. Aber es waren keine Kletterstellen dabei und das Seil zum Festhalten bot allen Wanderern Sicherheit, die sich nicht frei zu bewegen trauten. Frisch und ausgeruht stellte der Steig kein Problem dar. Hingegen am Ende einer Tour kann er schon sehr anspruchsvoll sein und erfordert auch volle Konzentration. Kurz vorm Wörnersattel bemerkte ich bei Taiga Schmerzen in einer Pfote und ihre mentalen Kräfte schienen aufgebraucht zu sein. Die Leine, der Kopf und der Schwanz hingen durch. Ich gab ihr Schmerzmittel und stieg mit beiden ab zur Fereinalm, umso den direkten Weg zum Auto zu nehmen. Den Rest der Tour konnte ich demnach nicht vollenden, was dann wohl das nächste Mal auf dem Plan steht. Aber die Verantwortung für unsere Begleiter steht eben weit über den persönlichen Zielen, die man sich setzt.

 

Ich möchte an dieser Stelle vor allem meiner Mama danken, dass sie in der Zeit den Rest meines Rudels betreut hat und mir so ein Wochenende voller Abenteuer ermöglichte. Aber auch Taiga und Friedjof möchte ich für ihr Vertrauen danken. Wir haben unsere Grenzen des Möglichen um einiges nach oben verschoben.

 

Fazit der Tour:

Wer neue Horizonte entdecken will, ohne dabei Drogen zu nehmen, der sollte solche Wege gehen (klettern). Guten Gewissens empfehlen, kann diese Stecke niemandem.

 

52 km 3300 hm und 21 h Zeit auf dem Trail.